Folge 3 – mit Christoph Marti

Shownotes

In dieser Folge von Rolle rückwärts spricht Rebecca Raue mit Christoph Marti, vielen bekannt als Ursli Pfister von den Geschwistern Pfister. Das Gespräch zeichnet den Weg eines Lebens nach, das von früher Fantasie, tiefer Sensibilität und einer großen Liebe zu Schönheit, Musik und Theater geprägt war. Zwischen Kindheitserinnerungen an glitzernde Wäscheklammern, Familienritualen und ersten Bühnenerfahrungen entsteht früh das Gefühl, dass Kunst ein Ort sein kann, an dem sich die Welt verwandeln lässt.

Rebecca und Christoph sprechen über Zugehörigkeit und Ausgrenzung, über Sprachlosigkeit innerhalb familiärer Strukturen und darüber, wie sich aus Verletzlichkeit, Sehnsucht und Widerstand eine nicht allein künstlerische Haltung entwickeln kann. Es ist ein Gespräch über die Bedeutung bedingungsloser Schönheit als Gefühl, über Glitzer als Schutz, Erinnerungsträger und Ausdruck zugleich und über den Versuch, trotz aller Brüche die Fähigkeit zu bewahren, das Leben als etwas Wunderbares zu betrachten.

Transkript anzeigen

00:00:01: Es gibt nichts, was mich mehr interessiert als Schönheit.

00:00:04: Und Schönheit ist ja nicht wirklich zu definieren.

00:00:07: also wir reden ja jetzt nicht von Ästhetik oder von Dekor sondern ich meine eigentlich mit Schönheit ein Gefühl.

00:00:17: für mich ist Schönheit an Gefühl.

00:00:18: das ist wirklich nicht so leicht.

00:00:23: oft dann die Schönheit zu... Nicht nur bewahren, sondern auch nicht verteidigen.

00:00:30: Hallo Heute begrüße ich Christoph Marty, der den Künstlernamen Ursli Pfister trägt.

00:00:36: Er ist Sänger, Schauspieler und Regisseur.

00:00:40: Mit ihm mache ich eine Rolle rückwärts!

00:00:45: In unserem neuen Efra-Podcast wende ich mich mit unterschiedlichen Gästen den individuellen Schlüsselmomenten in der Kindheit

00:00:53: zu.

00:00:54: Gemeinsam wagen wir den akrobatischen Sprung zurück zu jenen Stellen die uns zudem gemacht haben, wer wir heute sind.

00:01:03: Das ist nicht einfach!

00:01:05: Es ist ein Kraftakt der Balance und Feingefühl erfordert.

00:01:10: Was sind Schwierigkeiten, die gemeistert werden mussten?

00:01:14: Was sind die Herausforderungen, die uns zu dem gemacht haben – wer wir jetzt sind?

00:01:19: Ich bin Christoph, den ich Steppi nennen darf sehr dankbar dafür dass er sich auf dieses Gespräch eingelassen hat Und euch wünsche ich viel Freude beim Zuhören.

00:01:30: Lieber Steppi, ich freue mich sehr dass du heute hier bist im Efra-Podcast.

00:01:34: Danke!

00:01:35: Ich freue mich auch.

00:01:36: Wir machen heute eine Rolle rückwärts in deine Kindheit hinein Auch um zu fragen wie bist Du eigentlich der wunderbare Mensch geworden der du bist?

00:01:46: Du bist ein Bühnenkünstler Regisseur, Sänger, tanzt wunderbar Schauspieler natürlich ungefähr, da war ich dreizehn Jahre oder vierzehn Jahre alt und habe an der Schaubühne Theater spielen dürfen.

00:02:04: Als ich der Prinz im Wintermärchen war hast du das Boot angekündigt.

00:02:09: im zweiten Teil und ich weiß noch wie sehr mich beeindruckt hat dass ihr nach dem Wintermärtchen wo wir gemeinsam auf der Bühne standen in der Schaubühne damals als die Fisters aufgetreten seid Ja, was ganz merkwürdig spielerisch poetisches in die Welt gebracht hat.

00:02:31: Und seitdem bin ich treue Fanin von dir und genau im Nachdenken darüber, was du so machst ist mir aufgefallen das es als Malerin würde ich.

00:02:41: also wenn ich's auf zweidimensionale übertrage dann würde ich sagen Es is eine Art Collage.

00:02:47: Du gehst zurück nimmst Figuren aus der Vergangenheit Musik aus der Vergangenheit, Geschichten aus der vergangenheit und überträgst sie mit deinem Glitzer.

00:02:59: Mit deiner oder eurer Sprache eurem besonderen Weg Dinge oder Blick auf die Welt.

00:03:06: also es wird jetzt sich und du bringst dich da hinein in das was Alt ist.

00:03:13: Also als Bild würde das aussehen, wie da hat man irgendwie alte Fotos und dann kommt deine Sprache da rein oder eure Sprache darin?

00:03:19: Das berührt mich sehr und deswegen finde ich passt die Rolle rückwärts auch ganz besonders gut.

00:03:26: Genau also herzlich willkommen im Efra-Podcast!

00:03:28: Hallo!

00:03:31: Das hast du aber sehr schön formuliert mit was das für ein Zwei-Dimension...also was ein Bild das dann in der Übersetzung wäre.

00:03:39: Da find' ich mich sofort wieder Ja.

00:03:42: Ja, weswegen ich vorhin lachen musste als du das formuliert hast wie es wohl dazu gekommen ist dass sich dieser wunderbare Mensch geworden bin.

00:03:53: deine Worte nicht meine muss ich sofort denken.

00:03:56: und dazu ist er nicht gekommen sondern der war ich schon immer von Anfang an Und Ich glaube das hat etwas damit zu tun was fast spirituelles.

00:04:10: Ich glaube, Einstein hat gesagt es gibt zwei Typen Menschen die nicht an Wunder glauben und die für sie alles ein Wunder ist.

00:04:18: und ich bin Typ Alles Ist Ein Wunder Und da habe ich wirklich das Gefühl dass es von Anfang an so war.

00:04:26: Ich hatte wahnsinniges Glück mit wo ich geboren wurde und zu welcher Zeit ich geboreen wurde und auch in was für Verhältnisse Das ist in Bern.

00:04:38: Aber das Wunder ist ja auch, dass du der noch ... Weißt du also, ich glaube auch spirituell.

00:04:44: Ich glaube, dass wir alle mit viel Wunderkapazität geboren werden?

00:04:49: Ich würde wirklich sagen, aber das ist mein Glaube, dass es wirklich jedes Kind was kommt mit Wundergeborenes und mit der Kapazität sich zu wundern und wunderbar zu nehmen.

00:05:02: Und traurigerweise verlieren aber eben ganz viele Menschen diese Kapazität das Leben als wundervoll, also voller Wunder wahrzunehmen.

00:05:15: Und du, obwohl es ja auch kein einfacher Weg war – wir reden gleich nochmal über die Kindheitsdinge – aber du hast es dir irgendwie trotz der Widerstände bewahrt und sogar aus den Widerstanden dein Potenzial oder dein Kapital, weißt du?

00:05:33: Du hast eben das geschafft.

00:05:34: Und das finde ich...

00:05:35: Ich kann aber dafür es erklären tatsächlich glaube ich und dass hat etwas mit dem Ausmaß des Wunders zu tun weil ich von dem Wunder so überwältigt war, dass sich das nicht hergeben wollte.

00:05:57: nicht wirklich praktisch formulieren.

00:06:01: Das ist ein Gefühl und überhaupt das Fühlen, ist glaube ich ein bisschen unsere Mission mit unserer Arbeit als Pfisters weil du gesagt hast es ist alles alt.

00:06:16: also wir haben noch eigentlich überhaupt nie etwas in dem sind erfunden sondern wir haben immer etwas genommen was es schon gab Und wollten eigentlich zeigen, wie sich etwas anfühlen könnte oder mal angefühlt hat.

00:06:34: Oder auch anfühle sollte.

00:06:36: also da ist durch auch ganz vielen eben unterschiedliche Ansprüche.

00:06:41: aber das ist auch eine Ernsthaftigkeit und diese Kombination das ist für mich einfach tausendmal spannender als zu sagen wie etwas ist.

00:06:50: Das ist voll schön.

00:06:51: Und ich finde, dass das sehr spürbar ist in euren Arbeiten, die ja auch humorvoll sind und ironisch und so.

00:06:56: aber immer ist da drunter ein ganz ernsthafter Anspruch dem Leben gegenüber.

00:07:02: Das

00:07:02: ist richtig!

00:07:03: Ich sage ganz oft wir machen den größten Quatsch, aber wie meinet ihr es ernst?

00:07:09: Wir gehen jetzt Jupps-Rolle rückwärts erzählen uns ein bisschen also du bist in Bern geboren...

00:07:16: Ja!

00:07:16: ...in den Sechzigerjahren Mitte in, mitten in die sechziger Jahre und mitten im Sommer.

00:07:25: Vierundzwanzigster Juli.

00:07:27: Das ist dieses Haus, in dem meine Eltern, ich glaube, mal sind dreiundsechzig zur Miete eingezogen sind.

00:07:33: Das Haus ist, glaube ich von achtzehnhundertachzig.

00:07:36: Also auch alt?

00:07:37: Auch alt genau!

00:07:39: Und die Hausbesitzerin, die dammalige Frau Leinflückiger hat mit ihrer Freundin, der Fräulein Kühnzle zusammen und am Dach gewohnt in diesem Haus.

00:07:51: Und das war aber ursprünglich ein Einfamilienhaus,

00:07:53: d.h.,

00:07:53: die hatten keinen separaten Wohnungseingang und sind gerade mal fünfzig Jahre lang einfach immer... Durch eure

00:08:00: Wohnungen?

00:08:00: ...durch unsere...

00:08:01: Und zwar mehrmals am Tag!

00:08:05: Für mich war es völlig normal weil ich da geboren bin und ich habe das einfach so kennengelernt.

00:08:10: Die Frau Lenz-Lückiger, die hat eine Militärkarriere gemacht.

00:08:13: Sie hatte einen hohen Rang im Frauenhilfsdienst, wie das damals heißt und war streng und trug manchmal Uniformen.

00:08:21: Und wenn sie uns begegnet sind, war es immer auf dieser steinenden Wendeltreppe, die in den ersten und zweiten Stock führt.

00:08:29: Dann habe ich zu ihr gesagt, Grüß euch, Frau Lanz-Lieckert!

00:08:31: Und dann hat sie gesagt, zeige ich dir das Stoff?

00:08:33: Das war aber lange ja meine ganze Kindheit des Rituals.

00:08:38: Sind das so erste Erinnerungen?

00:08:39: Nein...

00:08:40: Eine ganz frühe Erinnerung hat mit dem Garten zu tun in diesem Haus.

00:08:44: Heute ist das wirklich der Sechser im Lotto, so ein Haus überhaupt bewohnen zu können.

00:08:50: Meine Eltern haben es dann kurz vor ihrem achselsten Geburtstag kaufen können nachdem sie über fünfzig Jahre lang Miete bezahlt haben.

00:08:58: und das heißt es gibt's immer noch.

00:09:00: Es gibt diesen Ort noch und eben auch diesen Garten gibt's noch.

00:09:03: und in diesem Garten saß ich als kleiner Junge Nachmittagelang und weil das waren ja dann so Ende des sechzigerjahre Meine Mutter war sehr aktiv in diesem Haus immer zu Gang und hat ein Laufgitter, wie man glaube ich dem sagt.

00:09:17: Ein

00:09:18: Stahl?

00:09:18: Ein Stall!

00:09:21: In den Garten gesetzt unter dem Pflaumenbaum und mich da reingesetzt.

00:09:26: Und er hat natürlich dann Wäsche gehangen und ist aber manchmal auch weggegangen und hat um mich zu beschäftigen mir den Korb mit den Wäscheklammern ins Lauf geht.

00:09:37: Reingegeben diese Wästeklammern Die gibt es leider nicht mehr.

00:09:40: Diese

00:09:41: Wäscheklammern?

00:09:42: Na ja, ich erinnere mich an diese Wäscheklammern weil die waren aus verschiedenen Farben ein ziemlich knalligem bunten Plastik aber eben durchsichtiger Plastikt.

00:09:50: das war so fast wie Kristall und da war Glimmer mit drin.

00:09:56: Und ich war also noch nicht im Kindergarten und meine mich daran zu erinnern können wie das war wenn man diese Wäscheklammann so gegen die Sonne gehalten hat und dann dadurch geguckt hat und dann war das ja sofort eigentlich dann Walt Disney oder man kann auch sagen LSD, also es war schon... Und davon konnte ich mich nicht genug kriegen.

00:10:14: Dann hab' ich gespiegelt und dann waren's aber ja Wäscheklammern.

00:10:18: Man konnte damit aus einem ganzen Korbwäscheklammern zum Beispiel eine Perücke machen indem man sich einfach die Wästeklammer in die Haare gesteckt hat und dann den Kopf geschüttelt hat.

00:10:27: und dieses Geräusch oder Fingernägel konnten es auch sein wenn man sie sicherlich... Ich hatte zu tun.

00:10:34: Meine Mutter erzählt mir das und sagt, es war

00:10:37: irre.".

00:10:37: Aber du kannst dich auch aktiv an das erinnern?

00:10:40: Oder weil manchmal sind ja so Überlappungen von Fotos... Es

00:10:43: gibt eben kein Foto davon!

00:10:45: Das kenne ich.

00:10:46: Dass man

00:10:47: über das Foto die Erinnerung

00:10:49: sich

00:10:49: ausmalen kann.

00:10:49: Aber davon gibts keinen Foto.

00:10:51: Ich habe eine Erinnering an diesen Zustand auf jeden Fall.

00:10:54: Auf

00:10:55: dieses bunte.

00:10:56: Genau, auf jeden fall spielen ja Glimmer Eigentlich das, was du beschreibst dieser Blick durch die Wäscheklammer.

00:11:05: Das spielt ja in deiner künstlerischen Arbeit eine total große Rolle.

00:11:09: also Glitzer drüber zu legen oder auch wieder das alte Neu-Zusehen mit Wunder drin und es ist ja total schön dass das eigentlich die Wäscheklamma war.

00:11:21: Ja aber etwas ganz Profanes, was Du aber so benutzt hast... dass es dir die Welt gespiegelt hat in einem anderen Licht eigentlich.

00:11:29: Du warst mit dir alleine, richtig?

00:11:31: Oder warst du mit Geschwistern im ...

00:11:33: Ich hab eine ältere oder jüngere Schwester aber die waren nicht mit mir im Laufgegen.

00:11:37: Die

00:11:38: haben beim Wäscheaufhängen geholfen vielleicht.

00:11:41: Mit ihren Puppen geschwiegt.

00:11:43: Tatsächlich habe ich zu meiner jüngeren Schwester ein sehr inniges Verhältnis immer gehabt und zu meiner älteren Schwester eher distanziert.

00:11:54: Ich glaube, da hat viel auch Neid und Einversucht eine Rolle gespielt.

00:12:00: Das habe ich hier übrigens dann als ihre Tochter, die mein Partner kennt, konfirmiert wurde.

00:12:04: Dachte ich, ich muss das meiner Schwester mal sagen!

00:12:06: Und haben mir gesagt... Ich war oft ekelig zu dir weil ich neidisch war auf dich.

00:12:12: Ah du warst neidig?

00:12:13: Nicht sie war allneidisch.

00:12:14: Ich glaube nicht dass Sie auf mich neidish waren.

00:12:17: Nein, ich war neidischer auf sie.

00:12:24: Die Zutaten sehen woraus sich dieser Neid, aber sie war erstens älter und dann ist das natürlich auch ein großes Thema bei mir.

00:12:33: Ich würde mich nie als Trams oder ich würde mich nicht mal als Divers bezeichnen, aber ich habe einfach Zeit, also solange ich denken kann immer mit so einem bisschen grob gesagt alles Weibliche verehrt und alles männliche verachtet

00:12:50: sogar verachtet

00:12:52: nicht aktiv verachtet, sondern das war mir einfach suspekt.

00:12:55: Das hat viel sicher mit meinem Vater zu tun, der auch Militär sehr erfolgreich war und aber als Beruf im Verteidigungsministerium Sektionschef war es ein Büro Job.

00:13:08: heute erst weiß ich dass er das glaube ich gar nicht so gerne gemacht hätte.

00:13:13: eigentlich was anderes gemacht ist auch sehr musisch und schreibt gerne.

00:13:20: Das war aber nicht möglich zu der Zeit.

00:13:22: Und

00:13:25: mit dem Mannlichkeitsbild, was damals da war und du hast damit komplett gebrochen sozusagen?

00:13:30: Aber das waren wir gar nicht bewusst.

00:13:32: Ich habe einfach nicht verstanden wenn meine beiden Schwestern sich die Nägel lackieren durften zum Spiel.

00:13:37: Das war ja nur zum Spiel und ich das auch haben wollte.

00:13:41: alle gesagt haben ne du bist ein Junge habe ich zur Kenntnis genommen, aber mich eigentlich auch geweigert

00:13:51: so zu denken.

00:13:52: Also jetzt waren wir beim im Laufstall und wie war Kind... also du warst im Kindergarten wahrscheinlich oder Grundschule?

00:13:59: Wie war diese Zeit?

00:14:01: Du bist dann in eine andere Form von Gemeinschaft sozusagen gekommen mit diesem Wenn du sagst schon immer, Männlichkeit verachten.

00:14:10: Was waren das für Erfahrungen?

00:14:11: Wie ging es dir da was?

00:14:12: Das

00:14:12: war lange Jahre ich würde sagen bis so Ende der vierten Klasse.

00:14:18: Wobei, das war schon früher ein Anfängnis geht ja auch nicht von einem Tag auf den anderen aber tendenziell hat sich das dann schon verändert.

00:14:26: Ich habe einfach diese Sonne eben mit mir gehabt Und das war auch im Kindergarten und auch noch in der ersten und zweiten Klasse.

00:14:35: Dass du strahlst?

00:14:36: Ich hab einfach, ich fand einfach das Leben fantastisch!

00:14:39: Ich finde das Leben immer noch fantastisch aber man kriegt ja dann am

00:14:44: Weg von einem

00:14:45: oder anderen nicht.

00:14:47: Ach so verstehe... Eine größte Freude war es für mich wenn meine Mutter Und so morgens um zehn fing es dann an gesagt, jetzt müssten wir anfangen das Picknick zu packen.

00:15:02: Weil wir nämlich mittags in die Badeanstalt gehen wo dann auch mein Vater dazukommt.

00:15:07: Er hat aus dem Büro Mittagspause und die verbringen wir in der Badeanstalt.

00:15:11: immer

00:15:11: süß wird jeden Tag

00:15:13: im Sommer.

00:15:14: also wenn's ja und heute ist für mich unvorstellbar was das für meine Mutter bedeutet haben muss weil wir sind dann wirklich von dem Haus mit dem Bus.

00:15:26: Meine Eltern hatten kein Auto.

00:15:27: bis weit in die siebziger Jahre hinein, konnte wieder mein Vater noch meine Mutter im Auto fahren und meine Mutter da voll beladen mit Taschen.

00:15:36: Mit den Badetüchern und den Badehosen und dem Sonnenschirm und dem ganzen Essen immer!

00:15:41: Und das Tolle war es nicht nur wir das gemacht haben sondern mehrere Familien aus dem Freundeskreis meiner Eltern auch und die hatten alle auch Kinder und wir haben diese Mittagessen in dieser Bade

00:15:55: Oso große Picknicker sind mega schön.

00:15:57: Und wenn es dann immer so ist, wenn das nicht was Besonderes ist, sondern das ist das, was wir machen, klar war, wer wir sind?

00:16:05: Wir sind die, die diesen Aufwand... also meine Mutter.

00:16:09: Damals habe ich das natürlich nicht begriffen, sondern ich fand's einfach toll!

00:16:12: Ich hab mich immer wahnsinnig gefreut.

00:16:14: in dem Bad gab es ein Wellenbad im Janiss.

00:16:19: Da gibt´s

00:16:20: jetzt noch mal.

00:16:21: So ist es und ganz viel von dieser Von diesem Willkommensein im Universum habe ich in mir gespürt und mitgebracht.

00:16:32: Die Kindergarten war toll, erste Klasse war toll.

00:16:35: Zweite Klasse waren toll.

00:16:36: Und in der dritten Klasse fing es an dass die Lehrerin nicht nur lieb war sondern eigentlich eher streng.

00:16:44: Das war aber schon auch eine klasse Frau.

00:16:46: Die Frau Straße hatten alle ein bisschen Angst vor der und man musste wirklich aufpassen.

00:16:52: das war neu Aber die hatte Stil und die hatte Format.

00:16:56: Und das hat mich schon auch sehr beeindruckt.

00:17:00: Und dann fing es aber an, dass dann die Mädchen mit denen ich einfach immer zusammen war...

00:17:05: Also beste Freunde waren auch Mädchen in der Grundschule?

00:17:08: Fast

00:17:08: ausschließlich!

00:17:10: Aber weißt du, ich habe da keine Sekunde... Das ist mir nicht mehr aufgefallen.

00:17:13: Es war einfach so.

00:17:14: Und aufgefallen ist mir das dann sehr abrupt als nämlich dann drei von meinen besten Freundinnen auf dem Pausenplatz mir gesagt haben, dass sie nicht mehr möchten, dass ich immer bei ihnen und mit ihnen in der Pause bin.

00:17:30: Und ich einfach...

00:17:31: Weil du ein Junge bist?

00:17:33: Naja das haben die ja sogar nicht gesagt!

00:17:36: Und ich hab's auch nicht verstanden.

00:17:39: Ich glaube es ist ganz gut, dass sich das nicht auf Anhieb verstanden habe weil dieses Häh-Moment stärker war als die Kränkung in dem Moment hätte sein können.

00:17:52: Das waren natürlich enorm kränkend in der Konsequenz, die aber ja dann gar nicht stattgefunden hat.

00:17:59: Ich bin ja dann nicht zu den Jungs gegangen und ich habe ja nicht gedacht... Was hast du denn gemacht?

00:18:04: ...ich darf jetzt nicht mehr zu den Mädchen gehen!

00:18:05: Ich hab mich sehr gewundert und hab dann das weiß ich noch am selben Tag dann die eine, die meine besten Freundin waren, die Renat gefragt was denn das jetzt heißt und ob wir denn jetzt nicht mal miteinander reden, aber es war eben nicht aus dieser Verletzung heraus sondern aus diesem Verstehen wollen Was ist das jetzt?

00:18:23: Und dann haben die zu mir gesagt, doch natürlich können wir weiterhin zusammen reden.

00:18:27: Einfach nicht wenn die andern dabei

00:18:28: sind.

00:18:28: Irgendwann gab es dann

00:18:30: Brüche.

00:18:32: Ich kam in eine Sekundarschule und da waren zum Teil auch andere Schüler aus anderen Primarschulen, die da zusammenkamen also Karten ganz neu gemischt.

00:18:41: Da habe ich richtig Ärger gekriegt.

00:18:46: Lange war mir das gar nicht bewusst, wie sehr sich die Dinge jetzt so verändert haben.

00:18:50: Dass ich anfange mich zu verändern.

00:18:52: Auf jeden Fall wurde mir vorgeworfen, dass ich wahnsinnig grob geworden bin und dass ich immer um mich getreten habe.

00:19:00: Und es ist richtig – das hab' ich auch!

00:19:02: Da war eine wahnsinnige Wut, die da anfing und die da irgendwie...

00:19:08: Sicherer Platz brauchte oder so?

00:19:10: Also du brauchtest Platz.

00:19:11: Ja aber das war eben nicht so reflektiert.

00:19:15: Klar Also wie alt warst du da?

00:19:17: Zwölf, elf.

00:19:18: Irgendwie sowas ne?

00:19:19: Ja genau und dann ist halt auch Anfang pubertät und das ist ja völlig klassisch.

00:19:24: Mädchen finden dann Jungs doof und Jungs finden dann Mädchen doof.

00:19:29: also so war es damals ganz explizit aber ich konnte mit wirklich kaum jemanden mit einem jungen etwas anfangen.

00:19:36: erstmal.

00:19:37: und dann kam aber natürlich dann die bravo in mein Leben, auch ganz früh.

00:19:42: Und mit der Bravo die Aufklärung und auch die ersten Fotos von nackten Jungs... Also nackte Jungs!

00:19:50: Da wurde das natürlich dann plötzlich

00:19:52: ganz

00:19:53: spannend.

00:19:54: Und ganz was anderes.

00:19:55: Okay also wartet noch mal kurz.

00:19:56: ich will zurück auf diese Wut weil du hast beschrieben so, ja... Alter!

00:20:01: Nein wir wollen ja nicht... Ich

00:20:02: möchte die Wut nicht missen und die Wuterfahrung nicht misse.

00:20:08: in der Retrospektive alles verstehen und auch

00:20:11: alles

00:20:12: erklären.

00:20:12: Und auch alles verzeihen.

00:20:14: Dier selber oder den anderen dir selber?

00:20:16: Also ich finde interessant, weil du also so wie du es jetzt erzählt hast war da diese Glitzerzeit und das war eigentlich zu Hause alles in Ordnung.

00:20:24: Da war deine Mama die ganz viel für alles gesorgt hat und euch drei Kindern ein geordnetes freutvolles Wahrscheinlich auch kreatives.

00:20:36: Also aufwachsen... Ich

00:20:37: muss aber kurz dazwischen gehen und sagen, ich habe das genauso empfunden auch.

00:20:42: Und was mir natürlich völlig entging zu der Zeit ist, dass es da auch den Vater gab.

00:20:48: Der Vater war halt abwesend oft abwäsend Aber meine Mutter und mein Vater waren ein tolles Team.

00:20:54: Die sind auch immer noch ein tolles Team.

00:20:56: Und das war eben damals, dass Geschlechterverständnis der siebziger Jahre und es hat meine Eltern zu hundert Prozent erfüllt war.

00:21:03: Der Mann geht das Geld verdienen und die Frau kümmert sich um den Nachwuchs unter dem Haushalt und credenzt das Zuhause.

00:21:11: aber Das Meine mutter das so gut konnte haben natürlich damit zu tun dass mein vater das Geld dazu verdienen ging.

00:21:19: und Mein vater hat schon auch immer wenn dann mal Zeit war, kühne Pläne gemacht was wir als Familie jetzt unternehmen.

00:21:28: Also da hab ich schon auch viele Erinnerungen...

00:21:31: Dass er weit geträumt hat oder so, dass er sich etwas aufgefächert hat?

00:21:35: Die Familie

00:21:35: wurde wahnsinnig hochgehalten!

00:21:38: Okay aber woher kam die Wut?

00:21:40: also in diesem System?

00:21:41: was jetzt total... Ich

00:21:42: kann dir genau erklären, weil es, wenn ich sage, Familie wurde hoch gehalten ganz stark von der Familie meines Vaters, also väterlicherseits.

00:21:53: Die Familie Marty und da war aber Ansehen ein ganz großes Thema und es gab diesen ziemlich genau definierten Okay-Bereich innerhalb dessen alles okay ist und jeder willkommen ist und zwar in ich und leidenschaftlich... Genau!

00:22:15: Also es gab einen Bereich, da wars gut?

00:22:17: Genau.

00:22:17: Und ich,

00:22:18: mir war aber ganz früh dann klar, so ist das und ich wusste, ich bin raus!

00:22:25: Ich bin nicht in diesem Okay-Bereich.

00:22:28: Das wusstest du relativ gut?

00:22:28: Nicht viel

00:22:29: zu bunt, viel zu viel glitzer und dieser Wunsch des Weiblichen herauszulehnen – das hat ganz sicher meinen Eltern große Sorge

00:22:37: bereitet

00:22:37: festzustellen dass es so ist und überfordert zu deiner Mit und mit allem was überforderte Das wurde abgespalten.

00:22:45: Das hat

00:22:45: einfach

00:22:45: nicht stattgefunden.

00:22:46: Das war eben nicht innerhalb dieses Bereiches und das ist ja, ich kann mir das irgendwie gerade jetzt wo du es so beschreibst total gut vorstellen was für ein Spagat oder wie schwierig das für so einen elfjährigen Christoph ist einerseits wahrzunehmen.

00:23:03: mir geht's total gut.

00:23:04: hier ist alles total richtig.

00:23:06: ich liebe Fürsorge bei der Eltern sind.

00:23:08: also es ist ja alles bilderbuchmäßig und gleichzeitig zu merken.

00:23:13: Mein Raum ist aber ein viel größerer und irgendwo gehöre ich nicht dazu.

00:23:18: Also, das ja ein Riesen ... Ich pass hier eigentlich mit dem, der ich im wahrsten bin, pass ich hier eigentlich nicht hin?

00:23:24: oder gehör' ich nicht hin?

00:23:26: Und wenn ich das sage, dann werde ich vielleicht sogar daraus gestoßen.

00:23:30: Oder da ist doch auch Angst mit verbunden so, wenn ich überall nicht hingehöre.

00:23:34: Was passiert denn, wenn nicht der Bin?

00:23:35: Nein!

00:23:37: Angst ist immer überall auch denkig als Gefahr mit am Tisch.

00:23:44: Werd ich aus dem Paradies gestoßen, ist ja fast so was?

00:23:47: Ja genau!

00:23:48: Ich hab mich sehr zurückgezogen.

00:23:51: Meine Welt war in meinem Zimmer und meine Welt war der Plattenspieler weil ich ganz früh Musik war, ganz früh, ganz wichtig für mich.

00:23:59: Es war per Zufall der Schlager, weil das die Platten waren... Das war ein Kosmos Und da war ich.

00:24:07: Da war natürlich nur ich

00:24:10: Die anderen waren da nicht.

00:24:11: Ich hab schon auch mit meinen Schwestern den einen oder anderen Jazz-Tanz dann einschließen.

00:24:16: Du hast

00:24:17: choreografiert, würd ich mal lernen?

00:24:18: Wir

00:24:18: hatten ein Wochenplatzmädchen, das Woche Platzmädchi.

00:24:22: Das ist jemand der zum Kinderhüten kommt und die fing damit an.

00:24:26: Die hat uns die ersten Schritte beigebracht und wir haben aber sofort verstanden wie kostbar das es ist und haben das immer gleich abends den Eltern aufgeführt.

00:24:36: Ja, guckt.

00:24:36: Das hört sich alles total gesund an und trotzdem war dann da diese Wut?

00:24:42: Die Wut kommt von dem Gefühl her nicht dazu zu gehören.

00:24:47: Und das muss ich schon sagen – das hat mein Umfeld perfekt hingekriegt mir das Gefühl zu geben dass ich nicht dazugehöre in der Familie.

00:24:56: Ich mache übrigens niemanden meinen Vorwurf, es war die Zeit und da waren eben noch ganz andere Ängste auch mit dem Spiel von meinen Eltern aus auch ganz bestimmt.

00:25:09: Ich hatte tatsächlich ganz früh das Gefühl, dass ich es besser weiß und dass ich recht habe.

00:25:16: Wirklich?

00:25:17: Ja!

00:25:19: Das war

00:25:19: in mir.

00:25:21: Und ich kann noch weitergehen.

00:25:23: Es geht hin bis zu euchwärtig zeigen und noch einen Schritt ihr werdet dafür bezahlen

00:25:32: Oha, wirklich?

00:25:33: Ja und zwar in Form von Eintrittskarten.

00:25:38: Also das war jetzt nicht so konkret mein Plan aber ich hatte tatsächlich so eine... Ich glaube ist wahrscheinlich das richtige Wort oder ein Gefühl in mir eben dieses ... Und ich meine mit Rechthaben nicht das rechthaberische sondern es ist etwas ganz Intimes.

00:25:58: Das ist wirklich etwas ganz Ähnliches dass ich dachte Das kann nicht sein, dass ich mich täusche.

00:26:03: Mit wie ich fühle, wie toll es ist... ...dass es die Welt gibt!

00:26:10: Das kann nichts sein, das da irgendwie eine Störung ist.

00:26:17: Und wusstest du auch relativ bald, dass du ins Schauspielerische gehen?

00:26:21: Also, dass der Weg ist oder wie hat sich der für dich aufgetan?

00:26:25: Ja.

00:26:26: Ich hatte ganz früh, ich würde auch sagen so mit zwölf dann zum ersten Mal in einem Gespräch mit einer älteren Schülerin, die gerade am ... In der Schultheatergruppe haben die was aufgeführt.

00:26:39: Und da hat sie und zwar Faust und sie war der Mephisto und ich glaub es war ganz grauenvoll

00:26:43: eigentlich

00:26:45: aber sehr beeindruckend.

00:26:47: das gingen wir dann alle gucken und die habe ich dann kurz nach dieser Aufführung in der Stadtbibliothek weil ich hab früh auch sehr gern gelesen wenn man sich dafür einfach aus dem Staub machen konnte.

00:27:00: Da war ich oft in der Stadtbibliothek und da hab' ich die getroffen.

00:27:03: Und dann habe ich sie angesprochen auf diese Aufführung, und dann hat die gesagt ja das sei eben jetzt was sie beschlossen hat, was sie dann beruflich machen, dass sie Schauspielerin wird!

00:27:16: Und in dem Moment habe ich gedacht, eh ich auch!

00:27:18: Das

00:27:19: ist interessant, dass Sie gesagt Schausspielerin, weil ich seit vielen Jahren nicht ausschließlich aber sehr viele Frauenrollen spiele Ein Glück, was ich fast nicht fassen kann.

00:27:32: Weil auf der Schauspielschule war das Mantra... ...was sich zu hören bekommen hat.

00:27:35: Du musst männlicher werden!

00:27:38: Das ist natürlich aussichtslos.

00:27:40: Männlicher werden?

00:27:41: Ich kann männlicher tun oder so.

00:27:43: Aber es ist ganz schnell dann unfreiwillig komisch.

00:27:47: Vorher, da war ich eben so zwölf, hatte ich eine Phase wo ich Koch werden wollte und das hat ganz stark mit meinem Vater zu tun weil mein Vater sehr gut kochen kann und aber selten gekocht hat, weil er ja immer ins Büro gehen musste.

00:28:00: Aber am Sonntag

00:28:02: hat

00:28:02: er gekochen.

00:28:03: Und dann hat der nach dem Frühstück in die Küche gegangen und dann hat er angefangen alles vorzubereiten.

00:28:09: Und wirklich ... ich seh das vor mir!

00:28:10: Das war wie so eine Fernsehküche.

00:28:12: Da war hier das Schüsselchen mit den schon gehackten Zwiebeln und es war alles so... Attraktiv und das hat mich so beeindruckt.

00:28:21: Und ich hab dann gesagt, das mach' ich auch wenn nicht groß bin will ich denn?

00:28:24: Ich habe natürlich auch gesehen wie mein Vater da plötzlich...

00:28:27: Aufgehend an die Feuerwehr

00:28:28: hatte!

00:28:29: Mein Vater hat auch früher, damit hat er dann leider irgendwann mal aufgehört wahnsinnig toll Trompete gespielt und meine Eltern sind früh also als wir noch sehr klein waren oft abends weggegangen, die hatten einen großen Freundeskreis.

00:28:43: Die sind gerne auf Bälle gegangen und da war immer was los und ich habe mitgekriegt wenn meine Mutter sich schick gemacht hat.

00:28:49: Und oft ... Wenn meine Mutter sie schickgemacht hatte, war mein Vater schon fertig und er hat um die Zeit zu überbrücken Trompete gespielt und zwar im Wohnzimmer zu so Dixieland-Kassetten, die er hatte und hat dazu improvisiert.

00:29:02: und das ist einfach das pure Glück, wenn du das hörst Das jemals sich so ausdrückt.

00:29:08: Also die Vaterfigur, noch mal zurück auf das ... Die Vaterfigure hört sich an als ob der Vater in einerseits was repräsentiert hat, was für dich schwierig war oder etwas nicht ausgelebt hat mit dem ... Er war in diesem militärischen System und in etwas sehr engen.

00:29:24: Und andererseits hatte er sehr stark diese künstlerische Ada.

00:29:27: dass das Feindfühlige also kochen können ist ja auch ein Gefühl für Kombination haben.

00:29:34: Wie hat denn dein Vater auf deinen Spulsein reagiert?

00:29:38: Das kann ich nicht beantworten, weil ich ihm gar nie gesagt habe.

00:29:40: Du hast

00:29:42: ihn nie

00:29:42: gesagt.

00:29:42: Nein!

00:29:44: Ich ... das hat zur Zeit verzerrte... Aber als mitbekommen irgendwann... Das war eigentlich ein bisschen meine Strategie.

00:29:49: Das wird er ja dann schon immer von selber merken.

00:29:53: Jetzt muss ich das erzählen, weil es ist eine Zäsur.

00:29:58: Mit, ich glaube, siebzehn hatte ich meinen ersten Freund und da hab' ich aber noch zu Hause gewohnt.

00:30:04: Und dann war natürlich die Frage, was mache ich jetzt?

00:30:07: und hatte diese Vorstellung, dass ich etwas erfinde.

00:30:09: Wo ich sage, wo ich bin...

00:30:12: Bei deiner Freundin?

00:30:13: ...dann Sabine oder völlig... und sofort dachte ich, das mache ich auf keinen Fall!

00:30:18: Dann habe ich erst mal nichts gemacht und dann habe ich da noch abends telefoniert mit Stefan, meinem ersten Freund Und meine Mutter war noch wach und kam ins Zimmer.

00:30:29: Und wir haben dann aber auch... Also es war überhaupt nicht irgendwie unbequem oder das war eigentlich ganz normal, und dann habe ich aufgelegt und hat meine Mutter gefragt wer das war?

00:30:38: Dann hab' ich gesagt, da ist eine Freundin von mir!

00:30:41: Und dann hat meine Mutte und das war aber auch immer völlig normaler gesagt.

00:30:45: Das hat sich einfach nach einer Männerstimme angehört was man so durch den... Und in dem Moment war sofort klar mein nächster Satz wird sein Das ist Stefan und mein Freund.

00:30:58: Und hab dann auch noch zu meiner Mutter gesagt, das wisst ihr doch schon die ganze

00:31:01: Zeit.".

00:31:02: Für meine Mutter war das ein ziemlicher Schock.

00:31:06: nicht weiß wie es nicht wusste oder ahnte sondern weil in dem Moment wo ich das jetzt sage, klar ist dass das nach außen getragen wird und dass ich dann der bin.

00:31:16: Manifestiert sich!

00:31:19: Und jetzt kommen eben die Eltern meines Vaters ins Spiel.

00:31:24: Das ist eben nicht im Okay-Bereich und was machen wir jetzt?

00:31:27: Und meine Mutter hatte es nicht leicht mit ihren Schwiegereltern, mein Vater hat das auch nicht leicht Mit seinen Eltern.

00:31:35: Die sind natürlich inzwischen verstorben.

00:31:38: ich will das alles eigentlich nicht bewerten Es war eben so!

00:31:42: Ich finde heute kann ich sagen Wir haben alle das Beste aus der Situation gemacht.

00:31:48: Aber dieser Konflikt, in dem ich meine Mutter gebracht habe – es ist wie ein Systembuch – darauf hat meine Mutter reagiert, indem sie gesagt hat Sie finden mein Vater braucht das eigentlich gar nicht zu wissen und da ist gar keine Strategie dahinter sondern das ist einfach eine wahnsinnige Hilflosigkeit um dann zu sagen vielleicht machen wir's einfach so.

00:32:08: Ich weiß das jetzt Und es war auch völlig klar dass meine Mutter damit gar nicht ... Das ist gar nicht das Problem.

00:32:14: Das Problem ist, ob es das bedeuten könnte.

00:32:16: Und ich war halt siebzehn und habe dann eben nicht widersprochen... Ich hätte ja sagen können wieso?

00:32:22: Jetzt hab' ich's dir doch gesagt, jetzt sag' könntest du was auch sagen!

00:32:27: Der bin ich.

00:32:27: Auch dass das Gespräch, der eigentlich da stattfinden kann, ist so eine Zumutung für euch wenn ich... Das ändert doch eigentlich gar nichts.

00:32:35: Das hat alles nicht schlatt gefunden sondern ich hab' gesagt Ja, gut so machen wir es.

00:32:40: Wir

00:32:40: haben jetzt ein Geheimnis.

00:32:42: Das ist eben kein Coming-Out sondern das ist eigentlich eine Verschwörung, so eine interne intime Verschwörung und eigentlich ist es sehr schade und toll ist aber dass sich viele Jahre später also da ist dann ganz viel passiert Das

00:32:58: ist ein berühmter Bühnenkünstler geworden.

00:33:00: Vorher habe ich dann eben Tobi kennengelernt, als ich noch mit Stefan zusammen war.

00:33:05: Stefan war auch auf der Schauspielschule und Tobi und dich aber in einer Klasse.

00:33:09: Und Stefan ist nach Aachen ins Engagement gegangen und wir waren noch drei Jahre ohne Stefan auf der Showspielschuhe.

00:33:15: Irgendwann war eben dann Tobi mein Partner.

00:33:20: Wir sind jetzt dem, glaube ich seit, forty-one Jahren zusammen auch einfach ein unglaubliches Glück.

00:33:27: Und dieses Glück ist auch bei meinen Eltern angekommen, also ziemlich früh.

00:33:31: dann haben die gemerkt

00:33:32: es ist alles

00:33:33: gut und ich kann froh sein dass sich jemanden gefunden habe der so ist wie Tobi weil er sich so kümmert und mich so ja wirklich trägt.

00:33:44: das Tolle war dann dass ich das ist vielleicht so fünfzehn Jahre her also noch nicht jetzt ganz lange da kam meine Mutter Ohne meinen Vater, für einen Wochenende nur nach Berlin.

00:33:55: Meine Eltern waren eigentlich einmal im Jahr mindestens für drei Mal mal vier Wochen in Berlin weil sie das so geliebt haben und haben sich immer eine Wohnung gemietet die in der Nähe ist von unserer Wohnung Und es war eigentlich immer fantastisch.

00:34:11: Ich behaupte dass meine Eltern berlin viel besser kennen als ich.

00:34:15: Das ist halt so.

00:34:17: Da habe ich dann gedacht jetzt möchte ich eigentlich wenn ich da mit meiner Mutter die Chance habe alleine vielleicht das nochmal zu beleuchten.

00:34:26: Sie angesprochen darauf und zu ihr gesagt, weißt du noch was du gesagt hast als ich dir zum ersten Mal gesagt habe, dass sie schwulen?

00:34:32: Und hab ich das erzählt?

00:34:34: Sie wusste das natürlich auch noch und konnte dann zum Glück sagen Das war doof!

00:34:40: Es war wirklich doof.

00:34:41: Sie hat es wahrscheinlich auch so wahrgenommen?

00:34:43: Selbstverständlich und sofort wurde sofort sehr emotional und es war insofern für mich auch wichtig weil ich dann sagen Es war auch von mir doof, es war nicht nur von dir doof.

00:34:55: Das hat uns wahnsinnig gut

00:34:57: getan.".

00:34:58: Ich finde total interessant jetzt nochmal den Bogen zu schlagen hinzu den Wundern und den Klammern vom Anfang, den Läscheklammern.

00:35:09: Würdest du sagen in dem wie du dein Leben gegangen bist?

00:35:14: Also die Schritte, die du gemacht hast, dieser Tiefeglauben an das Wundervolle im Leben.

00:35:22: Natürlich hat er das Leben glitzerisch gemacht und du zeigst Glitzer auf der Bühne und so, aber hat er an manchen Stellen auch was verdeckt sozusagen?

00:35:32: Hast du das Gefühl ... Ich will noch mal diese Zweiseitigkeit von dem Glitzer ansprechen weil Glitzer ist immer auch die Familie hat etwas präsentiert und darunter lag was.

00:35:44: Du hast den Glitzer genommen Und an dich geglaubt und bis deinen Weg gegangen mutig.

00:35:51: Aber gab es irgendwie auch was, was du wie so ein bisschen rausgeschubst hast aus dem Leben?

00:35:55: Ich möchte gerne Pierre-Égile erwähnen die dann gerade zu Anfang der neunziger Jahre Ende der achtziger Jahre plötzlich im Feuilleton aufgetaucht sind und ich werde nicht vergessen.

00:36:08: mein erstes Foto von Pierre Égile hat mir die Sprache verschlagen.

00:36:14: Du kennst Pierre Gilles nicht?

00:36:16: Das ist ein französisches Paar, ein schwules Paar und die haben ganz früh ganz großartige hochglänzende Fotos gemacht wobei der eine... ich weiß jetzt nicht ob es Pierre oder Gilles ist weil man immer einfach sagt Pierre Giles aber einer ist der Fotograf und der andere bearbeitet.

00:36:41: Und zwar nicht digital, weil es das damals noch gar nicht gab, sondern tatsächlich mit Pinsel und Farbe und Prittstift...

00:36:49: Und der hat den Glitzer reingemacht?

00:36:51: Da war ganz viel Glitzer!

00:36:53: Der Glitzer war aber oft schon in der Vorlage, weil die nämlich ... Das waren Bühnenbilder, die die gebaut haben.

00:37:01: Die erste Reihe von Pierre Achille, die ich bewusst wahrgenommen habe, waren ihre heiligen Bilder.

00:37:07: Du musst das mal googeln.

00:37:10: Anziehung und gleichzeitig, wenn Sie will ich auf deine Frage zurückkommen.

00:37:15: Ist das ja die Oberfläche?

00:37:18: Das ist ja der Schein!

00:37:20: Und wir kommen sofort dann ins Zentrum auch zu der Essenz von unserer Arbeit als Pfisters weil wir haben ein einziges Thema und es ist das Show-Geschäft – das Geschäft mit der Show.

00:37:32: Auch was ja auch ein bisschen pretending is', war's so'n bisschen oder?

00:37:37: Weil diese

00:37:37: Bilder natürlich... Nichts darüber aussagen wie es dieser person geht sondern.

00:37:42: Es ist eine behauptung Wie strahlend es ist.

00:37:48: das ist schon ein ich will nicht sagen einen trugschloss aber das ist einfach nicht alles.

00:37:51: Das ist bei weitem nicht alles.

00:37:54: und Ich weiß inzwischen weil ich das war viel arbeit Und da war dann auch viel schmerz, ich musste natürlich um eben mich nicht unterkriegen zu lassen und Um nicht zu verzweifeln musste ich gewisse dinge nicht spüren.

00:38:10: Du hast vorhin von dem abgegrenzten Bereich gesprochen, ist es ein Jenseits der Grenze geben?

00:38:21: Es hat glaube ich ganz viel auch wieder jetzt in meinem Fall mit der Zeit zu tun und das es diese wahnsinnige Sprachlosigkeit gab die Dinge machen dass wir uns unwohl fühlen.

00:38:36: behalt das mal für dich.

00:38:38: Und es war halt eben ganz explizit die Herkunft meines Vaters und dieser Marty-Familienzweig, das war schon hart!

00:38:49: Also meine große Eltern hatten fünf Kinder und alle fünf Kinder außer mein Vater sind so früh.

00:38:55: sie konnten soweit weg wie sie konnten von Vancouver, Los Angeles und Berlin.

00:39:00: Und der Onkel Jörg ist nach Zürich gegangen.

00:39:03: Mein Vater ist der Einzige, der da geblieben ist...

00:39:06: ...und sein einziger Sohn ist wieder weg gelangen.

00:39:09: Er

00:39:10: hat die Welt neu geöffnet!

00:39:12: Ich hätte natürlich wenn es diese Sprachlosigkeit nicht gegeben hätte ganz früh sagen können oder ihm vielleicht auch müssen sag mal warum

00:39:27: Seht ihr mich nicht.

00:39:28: Warum siehst du mich nicht?

00:39:29: Du siehst mich nicht!

00:39:30: Dann nimmst du mich überhaupt nicht

00:39:31: wahr?!

00:39:32: Und es führt zu einem Gefühl, wenn man es denn reflektiert und begreift ist... ...einer kompletten Wertlosigkeit.

00:39:44: Das kam für mich einfach nicht in Frage das zu spüren weil ich es ja besser wusste aber die Trauer darüber dass es so ist, da würde dann letztlich ich möchte ja in Beziehung treten Das möchte ich unbedingt.

00:40:01: Aber das hat nicht stattgefunden, wirklich lange nicht.

00:40:04: Mein Vater und ich hatten eine Art wie ein System, das waren so Antennen.

00:40:12: also wenn sich mal die Situation ergeben hat dass wir zu zweit in einem Raum waren dann hat es weniger als eine Minute gedauert bis der eine sich entfernt hat.

00:40:24: Das Ehre ist es uns das glaube ich nicht wirklich bewusst war und das war ein Instinkt.

00:40:30: Ein Ausweichen

00:40:32: einzig wirklich aus dem Weg gehen.

00:40:36: Ja, ausreichend!

00:40:37: Ich finde dieses Bild von dem Glitzer und also die Schönheit reinholen mit ganz viel Kraft in die Schönheid gehen auch um... nicht um zu vertuschen aber um... Jetzt habe ich es eingeschaut.

00:40:57: Du hast Schönheit gesagt.

00:41:00: Es gibt nichts was mich mehr interessiert als Schönheit Und Schönheit ist ja nicht wirklich zu definieren.

00:41:06: Also wir reden ja jetzt nicht von Ästhetik oder von Dekor, sondern ich meine eigentlich mit Schönheit ein Gefühl.

00:41:15: Für mich ist Schönheit an Gefühl.

00:41:18: Das ist wirklich nicht so leicht.

00:41:22: oft dann...

00:41:23: So Schönheit zu kommen?

00:41:27: Ja oder die Schönheit nicht nur zu bewahren, sondern auch zu verteidigen.

00:41:34: Eigentlich was ganz Wundervolles.

00:41:37: Ich weiß gar nicht warum das jetzt... Da kommt so eine Schwere, die kommt einfach dazu aber es ist

00:41:42: ja auch... Vielleicht hat die Schönheit auch mit der Vielschichtigkeit zu tun?

00:41:45: Also vielleicht...

00:41:46: Die Schönheit ist eben ich muss das Beispiel vielleicht anführen dass oft im Theater und in der Malerei wahrscheinlich auch Schönheiten nicht so ein Wert hat und es diesen Begriff gibt.

00:42:00: Das ist nur schön Ja, das ist so... aber es ist nur schön.

00:42:04: Oder guckt dass es nicht nur schön ist und ich hasse diesen Begriff nur schön weil ich sage wenn etwas nur schön isst dann es ist nicht schön!

00:42:13: Es muss so schön sein, dass es ein direktes... Das es wahr

00:42:18: ist und dann

00:42:19: ist...

00:42:21: Das ist auch etwas was mich selber erstaunt wie wichtig mir Echtheit ist wo doch der Kitsch Eigentlich die Definition ist, das ist nicht echt.

00:42:31: Wenn es nicht echt ist, ist es Ketchup und der Ketchup ... Aber

00:42:35: das ist ja genau das Krassste bei deinem ... Nein wirklich!

00:42:37: Bei dem was du machst dass da drin diese Suche spürbar wird also dass genau diesen Du ... Das Glitzander reicht nicht sondern das muss diesen ganzen Unterbau.

00:42:55: Und eben auch da drin ist ja auch eine Verzweiflung oder ein Kämpfen gegen es.

00:43:00: Ist das Ihre?

00:43:01: Ist die Bekommtenes her?

00:43:02: Wir haben in den ganz frühen Anfängen mit den Twisters sehr viel mediale Aufmerksamkeit gekriegt und wurden also überall dazugebeten, eingeladen und Gespräche hier und Interview da – und ganz oft war der Kitsch das Thema!

00:43:18: Das war auch zeitgleich mit diesem erfolgten Pierre-Échile mit ihren Arbeiten hatten und mir war es dann wichtig für mich zu unterscheiden, ja ich verehre den Kitsch aber Moment.

00:43:35: Es gibt eine rigorose Trennung für mich zwischen gutem KitsCH und schlechtem KITCH und wir wurden oft darauf auch angesprochen.

00:43:44: und die Frage was macht... Was ist denn der Unterschied?

00:43:46: Und was macht den guten KitsH aus?

00:43:50: Wie unterscheidet er sich von dem schlechten Kitch?

00:43:53: Darüber habe ich wirklich lange nachgedacht und habe gesagt.

00:43:56: Ich glaube, so formuliert man in einem Porträt guter Kitsch beinhaltet und strahlt aus eine Sehnsucht danach echt... Es ist die Sehmsucht der falschen Gefühle danach echt zu sein.

00:44:14: Das ist ein schönes Schlusswort!

00:44:17: Vielen Dank lieber Steppi und euch vielen Dank fürs Zuhören.

00:44:21: Wenn euch diese Rolle rückwärts gefallen hat Abonniert den Efra-Podcast gerne überall, wo es Podcasts gibt und seid gespannt auf unseren nächsten Gast.

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